Pflicht oder Liebe?
Liebe kann gewährt, sie kann entzogen werden. Ebenso das Mitleid. Beides ist willkürlich. Anders. Die Pflicht. Anders das hieraus abgeleitete Recht. Im Judentum haben Tiere Rechte, zum Beispiel auf Schabbatruhe. Die Gerechtigkeit zwischen den Lebewesen wird getragen von rachamim, der liebevollen, von Mitgefühl und Erbarmen bestimmten Zuwendung.
Das auf Tierrechten beruhende biblische Tierschutzgebot ist radikaler und umfassender als das von Mitleid getragene moderne Tierschutzgesetz.
Das Tier als Subjekt
Die Aufgabe des Menschen ist, den Tieren einen Namen zu geben. Sich um jedes einzelne Tier in seiner Obhut zu kümmern. Die Natur und die Tiere im Sinne des Tikkun Olam zu erhalten. Die Sorge des Hirten um jedes Tier seiner Herde ist eine Metapher für die Beziehung Gttes zu den Menschen. Sie ist ein Spiegel der Beziehung der Menschen zueinander.
"Als Mose die Schafe in der Steppe weidete, verlief sich ein Lamm. Mose lief ihm nach und sagte, wie das Tier einem Teiche zulief. Du hast Durst und ich habe es nicht gewußt? Er nahm das Lamm auf die Schulter und trug es zum Wasser."
Talmud. Schemot rabba c.2
Seelenwanderung
Die Wanderschaft der Seelen findet nicht entlang einer Hierarchie von niedrigen und höheren Lebewesen, guten und bösen statt. Ebensowenig ist sie Ausdruck schlechten Karmas oder einer Wiedergeburt als Strafe.
Sie ist Aufforderung zur Achtung der nefesch chaja, die sich in jedem Lebewesen individuell Ausdruck verschafft.
Gebote und Geschichten
"Du darfst keinem Lebewesen Schmerz und Leiden zufügen."
Dieses als "Tsa`ar ba`alei chayim" bekannte Gesetz ist Dreh- und Angelpunkt des jüdischen Tierschutzes.
Für andere Lebensformen etwa Pflanzen, gilt das Verbot der Zerstörung, der mutwilligen Vernichtung und Vergeudung (bal taschchit).
Dieses Gebot hat weitreichende Folgen für die Haltung und Zucht von Lebewesen: Verbot der Verstümmelung, Kastration, des Beschneidens von Tieren.
In den Fünf Büchern Mose, der Tora ebenso wie im jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, im Talmud und Midrasch finden sich zahlreiche Anweisungen und Beispiele wie mit Tieren umzugehen ist.
"Zwei Männer ritten einst zusammen. Der eine behandelte sein Pferd schonungslos, fütterte es schlecht und trieb es, wenn es nicht mehr fortkommen konnte, durch Schläge an, während der andere sein Tier milde und fürsorgend behandelte. Unterwegs sagte der rohe Reiter zu seinem Mitreisenden: Verkaufe mir dein Pferd. Darauf erwiderte der andere: Wenn Du mir alles Geld der Welt gäbest, würde ich mein Tier nicht einem Manne verkaufen, der es mißhandeln und für seine Nahrung nicht sorgen würde. Sollte ich in die Lage kommen, mein Tier verkaufen zu müssen, so verkaufe ich es lieber um einen billigen Preis einem Manne, der es gut behandeln würde."
Nach Jehuda ben Samuel: Buch der Frommen
"Wenn man dürstet, darf man seinen Durst nicht löschen, bevor man sein Tier getränkt hat. Ebenso muß man, wenn man hungrig ist und weiß, daß auch das Tier vom Hunger geplagt ist, dieses zuerst füttern."
"Auch der ist strafwürdig, der dem Vieh über Gebühr Lasten auferlegt, es straft und quält, eine Katze an den Ohren zerrt, ein Pferd mit den Sporen sticht. Ein krankes Tier oder ein trächtiges sol geschont werden; läuft ein nicht gefährlicher Hund in dein Haus, so jage ihn mit einer kleinen Peitsche hinaus, aber hüte dich, ihn mit einem großen Stocke zu schlagen, mit siedendem Wasser zu begießen, zwischen die Türe zu klemmen, zu blenden."
Nach Jehuda ben Samuel
Kommentar:
Die jüdische Lehre geht von der Existenz des `jetzer hara`, des bösen Triebes aus, der Neigung des Menschen zu Grausamkeit.
Sie fordert den Menschen auf, sich selbst zum besseren zu erziehen, anderen Vorbild und Ermutigung zu werden.
Dem Menschen ist gestattet, das eigene Leben zu schützen und zu verteidigen.
Dennoch gilt:
"Dein Erbarmen und deine Liebe entzieh keinem Wesen, das Gott geschaffen. Schlag und quäle weder Vieh noch Wild noch Geflügel noch Gewürm. Schlag keinen Hund und keine Katze, bewirf sie nicht mit Steinen, töte keine Fliege, keine Wespe, selbst nicht eine Ameise noch eine Mücke. Gib den Tieren ihre Nahrung und lerne von Gott, der alle Wesen liebt und nährt."
Nach Mose Kohen ben Eleasar: Das Buch der Frommen.
"Sieh! da tritt dir Gottes Lehre entgegen und verpflichtet dich, nicht nur keinem Tier einen unnützen Schmerz zu bringen, sondern selbst, wenn du ohne deine Schuld ein leidendes Tier erblickst, beizuspringen, und, wenn du kannst, das Leiden zu mildern und zu heben.
Vor allem ihr, die ihr junge Gemüter eurer Fürsorge anvertraut sehet, wachet darüber, daß sie in dem kleinsten und dem größten Tier, das, wie sie, von Gott zur Lebensfreude berufene, und mit Epfindung begabte Wesen achten lernen; und vergesset nicht, daß der Bube, der sich mit roher Lust an dem Zappeln eines verstümmelten Käfers, an der Angst eines gequälten Tieres weiden kann, auch bald gegen Menschenschmerz stumpf sein wird."
Samson Raphael Hirsch
Tier und Tora
"Denn das Geschick der Menschenkinder ist wie das Geschick des Viehes, und ein Geschick haben sie; wie der stirbt, so stirbt jenes, und einen Geist haben sie alle, und der Vorzug des Menschen vor dem Vieh ist ein Nichts, denn alles ist eitel."
Kohelet 3, 19-21
Mitgefühl als Gradmesser des menschlichen Charakters.
"Es kennt der Gerechte die Seele seines Viehs."
Pirke Awot
Tiere haben elterliche Empfindungen, Sorge, Trauer, Verzweiflung.
"Ein Stier oder ein Schaf oder eine Ziege nach der Geburt bleibe sieben Tage bei seiner Mutter, und vom achten Tag an und weiter wird es gnädig aufgenommen als Feueropfer für den Ewigen.
Und Stier oder Schaf, es selbst und sein Junges, sollt ihr nicht schlachten an Einem Tage."
Leviticus 22, 27-28
Mit dem Tier reden - die eigene Seele erkennen
"Da öffnete der Ewige den Mund der Eselin und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, daß du mich nun dreimal geschlagen?" (Num 22,28)
Im Dialog mit dem Tier, dessen Mund von Gott geöffnet wurde, wird Bileam zum Seher und Propheten.
Der Dialog zwischen der Eselin und Bileam erscheint als Urbild der gegenseitigen Partnerschaft von Mensch und Tier.
Beziehung tritt an die Stelle von Kontrolle, Mitgefühl tritt an die Stelle von Macht, Sprache an die Stelle von Gewalt, Sprachlosigkeit und Mißverstehen.
Die "Utopie" als Handlungsziel
"Und es wohnt der Wolf mit dem Lamme, und der Tiger lagert neben dem Böcklein, und Kalb und junger Leu und Maststier zusammen, und ein kleiner Knabe leitet sie. Und Kuh und Bär weiden, es lagern ihre Jungen zusammen, und der Leu, wie ein Rind, frißt Stroh. Und es spielt der Säugling auf dem Loche der Natter, in die Höhle des Basilisken steckt seine Hand das entwöhnte Kind." (Jesaja 11,6)
Das Verbot der Jagd
Im Verbot der Jagd kommt die tierschonende Haltung der jüdischen Tradition zum Ausdruck. Nimrod, der Jäger wird in den rabbinischen Kommentaren als Gegenbild zum vorbildlichen jüdischen Menschen genannt, denn er widersetzt sich nicht dem Trieb zur Gewalt und Blutlust, der als yetzer hara, als böser Trieb bezeichnet wird. Der Mensch ist aufgefordert, dieser Versuchung nach Macht und Kontrolle zu widerstehen, den yetzer hara zu überwinden, und weder Mensch noch Tier mit Gewalt, Herrschsucht, Mordlust und Grausamkeit entgegen zu treten.
Das Verbot der Sodomie
Der sexuelle Umgang mit Tier wird als tebel. als Frevel geächtet und unter drakonische Strafen gestellt. Mensch - und Tier - werden zum Tode verurteilt.